4 Fragen an: Tobias Thiel

Thema

jugend.beteiligen.jetzt im Gespräch mit Tobias Thiel von der Jungen Akademie Wittenberg

https://jugend.beteiligen.jetzt/Tobias%20Thiel%20%C2%A9%20Tobias%20Thiel

Wir kommen per Klick zur Diskussion.

Tobias Thiel, Junge Akademie Wittenberg

1. Was war das Thema bzw. der Gegenstand der Jugendbeteiligung?

Thiel: Wir haben im gesamten Landkreis Wittenberg in Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit an Sekundarschulen und einer Berufsschule Projekttage zum Thema Zukunftsvorstellungen Jugendlicher für den ländlichen Raum durchgeführt. Die Region ist dem demografischen Wandel ausgesetzt und durch Abwanderung junger qualifizierter Menschen gekennzeichnet.

Eine der Kernfragen war, welche Orte für Jugendliche in der Stadt Wittenberg und auf den umliegenden Dörfern, die verwaltungsrechtlich mittlerweile überwiegend zur Stadt Wittenberg gehören, wichtig sind, und welche Haltefaktoren es für Jugendliche geben kann. 

2. Welche Beteiligungstools werden genutzt und welches Ziel verfolgt ihr mit den Tools?

Thiel: Im Rahmen der Projekttage haben wir mit dem Computerspiel Minecraft gearbeitet, aber die Jugendlichen konnten auch andere Zugänge vorschlagen, mit denen man sich dem Thema nähern konnte. So gab es am Ende auch ein Planspiel im Brettspiel-Format, das die Probleme des ÖPNV thematisierte. Eine Gruppe an der Berufsschule hatte sich das Computerspiel „Die Sims“ zur Vorlage genommen und in dem Spiel Szenen kreiert, die sie dann in eine Comic-Ausstellung übertragen haben. Inhaltlich beschäftigten sie sich mit einem ganz ähnlichen Thema, nämlich dem Busverkehr und den mangelhaften Radwegen in der Gegend. 

Die Gruppen, die ihre Ideen in Minecraft entwickelt haben, beschäftigten sich eher mit städtebaulichen Projekten wie Jugendzentren und zentralen Orten in der Stadt.

Generell haben die Computerspiele den Zugang zur Fragestellung sehr erleichtert. Im spielerischen Gestalten kreierten die Jugendlichen neue Ideen. In Minecraft gestalteten sie eine virtuelle Welt auf der Basis ihrer Ideen, die dann auch für die Präsentation vor politischen Verantwortlichen genutzt wurde.

3. Wie kommt ihr in Eurem Jugendbeteiligungsprojekt zu Ergebnissen: per Klick oder Diskussion?

Thiel: Wir kommen per Klick zur Diskussion – einer ersten Phantasie-Phase in den Spielen folgte in der Regel eine Konzeptionsphase, in der wir offline Diskussionen führten, Visionen mit der Realität abglichen und nach der Umsetzbarkeit fragten. Das dabei entstandene Grobkonzept diente den Jugendlichen als Vorlage für die detaillierte Umsetzung im Computerspiel. Oft führten Konflikte beim Bauen, die im Chat oder offline moderiert wurden, zu sinnvollen Planänderungen und Anpassungen. Im Rahmen des Projekttages entstanden dann Minecraft-Räume, die sowohl das Ergebnis von gemeinsamen Diskussionen als auch vielen Klicks waren.

4. Was passiert mit den Ergebnissen?

Thiel: Vertreter*innen der Schulgruppen haben die Videos der Minecraft-Räume bzw. die Comic-Ausstellung an einem Zukunftstag präsentiert. Dazu hatten wir Vertreter*innen der Stadt, des Landkreises, aus der Zivilgesellschaft und aus der Wirtschaft eingeladen. Mit den politisch Verantwortlichen vereinbarten die Jugendlichen konkrete Maßnahmen und ein Feedback nach sechs Monaten. Das Projekt ist inklusive der Vorstellungen der Jugendlichen und der Vereinbarungen mit den politischen Verantwortlichen auf der Website der Jungen Akademie Wittenberg dokumentiert.

Zum Folgetermin nach einem halben Jahr folgten dann schon weniger Vertreter*innen unserer Einladung. Es war leider ernüchternd zu sehen, wie wenige der Vereinbarungen von Seiten der Politiker*innen erfüllt worden waren, selbst wenn es um so simple Fragen wie die Nutzung von schulischen Sportplätzen ging. 

„Die Nutzung ist aus folgenden Gründen nicht möglich,“ wäre wenigstens eine konkrete Aussage, die sie hätten vermitteln können, aber es war ihnen in den meisten Fällen leider nicht gelungen, Antworten auf die von den Jugendlichen aufgeworfenen Fragen zu finden. Und das, obwohl die Kommunalpolitiker*innen der Region ganz ernsthaft eine stärkere Beteiligung von jungen Menschen wünschen! Da hätte es ein noch intensiveres Coaching für Politiker*innen gebraucht. 

Deutlich wurde, dass erfolgreiche Jugendbeteiligung auch mehr Bewegung von Seiten der Politik und Verwaltung und vor allem genügend finanzielle und personelle Ressourcen benötigt. Obwohl wir ein erfolgreiches Projekt der politischen Bildung mit gleich zwei Kontaktphasen mit Politiker*innen hatten, bekamen wir da die Grenzen zu spüren. Da brauchen wir mehr Öffentlichkeit für Jugendbeteiligung und die Erkenntnis, dass die gesetzlich vorgesehene Beteiligung von Kindern und Jugendlichen nicht zum Nulltarif zu organisieren ist.