Reportage „Plan Nord Ost“: Städtebau mit Computerspiel und Handy

Thema

Mit dem Projekt Plan Nord Ost beteiligt die Stadt München Jugendliche an der städtebaulichen Planung eines neuen Stadtviertels.

Kinder und Jugendliche leben immer mehr in einer digitalen Welt. Ob zu Hause, in der Schule oder unterwegs – ihr Smartphone haben sie so gut wie immer dabei. Und mit ihm: Internet, Spiele, Social Media und andere digitale Medien. Wie aber schafft es ein Projekt zu städtebaulichen Fragen die Jungen und Mädchen vom puren Klicken, Liken und Teilen in einen aktiven Prozess einzubinden? In dem sie durch das Zusammenspiel von digitalen und analogen Mitteln sowie Gesprächen zu eigenen Überlegungen kommen?

Wohnungen sind in München knapp. Die Stadt plant deshalb, ein neues Viertel im Nordosten der Stadt zu bauen. Auf 600 Hektar, einer Fläche also, die so groß ist wie 840 Fußballfelder, sollen mehrere Quartiere entstehen. Zurzeit stehen drei Varianten der Bebauung zur Diskussion. Nach Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonventionen haben Kinder und Jugendliche seit November 1989 genauso wie Erwachsene das Recht über die Pläne ihrer Stadt informiert zu werden. In auf sie zugeschnittenen Formaten müssen sie außerdem die Möglichkeit erhalten, ihre Ideen, Bedenken und Wünsche einzubringen. Mit dem Projekt Plan Nord Ost_Dein Viertel in Zukunft hat das Referat für Stadtplanung und Bauordnung nun zum zweiten Mal explizit Schülerinnen und Schüler an dem Vorhaben beteiligt. „Jugendliche haben eine größere Offenheit für Veränderungen“, sagt Ruth Büchele, Bauoberrätin im Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Und erklärt so, warum ihr die Meinungen der Jungen und Mädchen wichtig sind. Sie denken losgelöster als Erwachsene und sind außerdem die potenziellen Bewohner des neuen Stadtteils, fährt sie fort.

An drei Münchner Schulen haben sich Jugendliche in Digitalwerkstätten intensiv mit dem neuen Stadtviertel auseinandersetzt. Gleichzeitig haben die Mitarbeiter des JFF – Institut für Medienpädagogik Jugendliche an öffentlichen Plätzen nach ihren Meinungen und Ideen befragt. Wichtiger Bestandteil von Plan Nord Ost_Dein Viertel in Zukunft war außerdem die Jugendtagung am 31. März, auf der die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse aus den Werkstätten präsentieren und mit Vertretern aus Politik und Stadtplanung diskutieren konnten.

Verschiedene Arten der Partizipation erfordern unterschiedliche Methoden

Bereits Ende 2015 hat sich das Planungsreferat mit einer Anfrage an das JFF gewandt, ein Format für die Beteiligung von Jugendlichen zu entwickeln und umzusetzen. „Es gibt zwei Richtungen, aus denen man auf Partizipation schauen kann“, erläutert Sebastian Ring vom JFF, Projektleiter von Plan Nord Ost. „Einmal an der Stelle, an der junge Menschen aus eigener Motivation etwas wollen“ und eine Struktur brauchen, durch die sie sich einbringen können. Die andere Perspektive ist die: Da passiert etwas in der Stadt und die Stadtverwaltung würden gerne die Meinung der Jugendlichen einholen. „Bei diesem Projekt war der Auftrag sehr klar“, sagt Sebastian Ring, „das Planungsreferat wollte wissen, was die Jugendlichen von den Plänen für das neue Viertel halten und was für Ideen sie haben“. Ziel dabei war es, die Meinungen und Wünsche möglichst unterschiedlicher Jugendlicher einzuholen, wie Ruth Büchele betont. Die Verantwortlichen des Instituts für Medienpädagogik haben sich deshalb entschlossen, die Jungen und Mädchen vor Ort direkt anzusprechen.

Aus Erfahrung mit anderen städteplanerischen Projekten wussten die Experten des JFF, dass sich meistens nur „sehr engagierte, redegewandte junge Menschen“ beteiligen, schreibt man solch eine spezielle Fragestellung im Internet offen aus. „Welcher Achtklässler einer Mittelschule gelangt schon auf so eine Webseite?“, sagt Lisa Rutzmoser richtig. Die Studentin macht gerade ihr Praxissemester im JFF und hat gemeinsam mit dem Medienpädagogen Thomas Kupser eine der Digitalwerkstätten im Rahmen von Plan Nord Ost durchgeführt. Und auch wenn man das Beteiligungsformat online bewirbt, macht das die Sache nicht einfacher, betont Sebastian Ring und wirft beispielhaft folgende Fragen auf: Welche Kanäle nutzt man für so eine Kampagne? Auf welchen Social-Media-Plattformen erreicht man die Jugendlichen? Und wie lässt sich das komplexe Thema online aufarbeiten? Sich im Internet durch einen schnellen Klick zu beteiligen, wie es bei vielen Petitionen und Social-Media-Kampagnen möglich ist, führt hier ganz einfach nicht zum gewünschten Ergebnis. Schließlich müssen die Schülerinnen und Schüler nicht nur auf das Projekt aufmerksam werden, sondern sich auch in die Materie einarbeiten, wie Thomas Kupser erklärt. Denn das Referat für Stadtplanung und Bauordnung wünscht sich von den Jungen und Mädchen nicht einfach nur Likes oder Kommentare zu vorhandenen Plänen, sondern eigene Ideen und Vorstellungen, mit denen sie weiterarbeiten können.

Wir haben uns deshalb darauf konzentriert, digitale Methoden face-to-face einzusetzen und die Jugendlichen gemeinsam mit Städteplanern und Architekten bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zu begleiten.

Sebastian Ring vom JFF – Institut für Medienpädagogik und Projektleiter von Plan Nord Ost

Jugendliche mit digitalen Medien in ihrer Welt abholen

„Wir haben in einem Spiel namens Minecraft Modelle gebaut“, erzählt Ferdi Wörndl. Zusammen mit seinen Freunden hat der Dreizehnjährige am Trudering Gymnasium an der Digitalwerkstatt des JFF teilgenommen, die hier anders als an den anderen Schulen für die Siebt- bis Neuntklässler offen ausgeschrieben war. „Wir kannten das Spiel“, sagt Ferdi, „deshalb haben wir uns angemeldet und waren dann positiv überrascht, dass es noch um so viel mehr geht, als nur das Computerspiel. Ähnlich wie die Jugendlichen an den anderen Schulen haben sie sich zunächst mit den Plänen für das neue Viertel im Münchner Nordosten auseinandergesetzt: Sie haben sich die Brache angeschaut, sich mit den drei städtebaulichen Varianten beschäftigt und überlegt, was sie von dem Stadtteil erwarten, um dann schließlich in Minecraft verschiedene Gebäude und Anlagen zu bauen. Auch die Achtklässler der Mittelschule an der Knappertsbuschstraße beschäftigen sich mit Fragen des Zusammenlebens, machen sich Gedanken um erneuerbare Energien und Infrastruktur. Um das Ganze etwas aufzulockern, versetzen sich die Jugendlichen kurzer Hand in die Zukunft und erstellen mithilfe ihrer Handys Audioguides einer futuristischen Zukunftsstadt:

Wie leben wir in 20 Jahren? Ein Schokobrunnen mitten in der Stadt, fliegende Autos, 5D-Hologramme im Unterricht und über den Vierteln kreisende Beschützer-Drohnen. Die Achtklässler der Mittelschule an der Knappertsbuschstraße in München lassen ihrer Fantasie freien Lauf. Wer würde nicht gerne nach der Schule Flugzeuge putzen, um sich das Taschengeld aufzubessern? Oder mit 14 Jahren einen Führerschein für pflanzenölbetriebene Gokarts machen? „Die Methode hat den Schülerinnen und Schülern geholfen, kreativer zu denken“, sagt Lisa Rutzmoser und freut sich, dass die Jugendlichen durch den spielerischen Ansatz zu immer neuen Ideen gekommen sind.

Noch mal anders sind die Zwölftklässler der Rudolf-Steiner-Schule München Daglfing an das Projekt herangegangen. Nach einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema haben sie mithilfe des Online-Tools survio einen empirischen Fragebogen entwickelt. Was für Veranstaltungen wünschst du dir? Würdest du ein Jugendzentrum nutzen? Und wie sollte es aussehen? Sowohl online als auch face-to-face haben sie so erhoben, was ihre Altersgenossen von einem neuen Viertel erwarten und die ausgewerteten Daten auf Plakaten verständlich dargestellt.

„Diese digitale Welt ist etwas, über die man Jugendliche gut aktivieren kann“, freut sich Ruth Büchele. Und auch die Experten des JFF sind sich darüber einig, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Spaß machen sollte. „Es sollten Methoden sein, die einfach kreativ sind, die in Gruppen stattfinden, die auch Lust und Laune machen und die nicht nur sprach- oder diskursorientiert sind“, sagt Sebastian Ring. Am besten funktioniert das, wenn die Jugendlichen in ihrer Welt abgeholt werden und da gehören Handy, Internet und Computerspiele heutzutage einfach dazu. „Man sieht im alltäglichen Leben, dass Jugendliche mit Medien arbeiten und dass dies ihr Weg ist, sich auszudrücken“, bestätigt Ruth Büchele.

Mit einem Klick zur Jugendbeteiligung?! Stimmt hier im weitesten Sinne also doch: Auch Audioaufnahmen werden mit einem Klick aktiviert, Fragebögen mit einem bis mehreren Klicks online gestellt und Gebäude in Minecraft durch unzählige Klicks mit der Maus gebaut. Digitale Medien werden hier zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der Realität, zum Mittel, um die eigenen Vorstellungen auszudrücken. Mit dem eigenen Handy Audioguides erstellen, online Fragebögen entwickeln oder mit einem Computerspiel Städte bauen macht den Jugendlichen Spaß und motiviert sie dazu, sich in die Materie einzuarbeiten. Mit analogen Methoden wie Ideen auf Post-its sammeln, diskutieren, Gespräche führen und Stadtpläne auf den Schulhof malen, findet das eigentliche Überlegen und Nachforschen dann außerhalb der digitalen Welt statt. Hier beraten sich die Schülerinnen und Schüler, kommen in den Austausch und entwickeln ihre Ideen. Die sie daraufhin mithilfe digitaler Medien umsetzen.

Wichtig ist auch, dass zum Schluss ein Produkt entsteht, auf das die Jugendlichen stolz sind, das sie ihren Eltern und Freunden zeigen können und das im Internet anderen Interessierten zugänglich gemacht werden kann, betont Thomas Kupser.

 

Als die Jugendlichen gehört haben, dass die Audioguides im Radio und auf der Webseite veröffentlicht werden, waren sie begeistert und haben gesagt: ‚Oh mein Gott, wir haben wirklich etwas geschafft, wir haben etwas gemacht, was die Welt sieht.‘

Cordelia Schlederer, FSJlerin bei Plan Nord Ost

Mit Politikern diskutieren und gehört werden

Präsentiert haben die Jugendlichen ihre Arbeiten auch auf der Jugendtagung Ende März. Dort waren neben Vertretern der Stadtplanung auch Kommunalpolitiker anwesend, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Vorstellungen für das neue Stadtviertel diskutierten. „Jugendliche haben andere Vorstellungen“, sagt Tim K., der als Vertreter der Minecraftgruppe an der Podiumsdiskussion teilgenommen hat, „da haben die Politiker, glaub ich, gut gemerkt, was wir so wollen“ betont er und hofft, dass die Verantwortlichen die Ideen der Jugendlichen bei ihrer weiteren Planung berücksichtigen werden.

„Das war ein wichtiger Moment“, beschreibt Lorenz Groll, der während seines Praxissemesters am JFF die Minecraft-Werkstatt mitgestaltet hat, die Bedeutung der Tagung für die Jugendlichen. Und auch Thomas Kupser bestätigt, dass die direkte Interaktion mit den Verantwortlichen für die Schülerinnen und Schüler noch mal eine andere Bedeutung hat, als nur einfach ein Produkt zu erstellen. „Sonst hätte man nur gewusst, man hat ein Schwimmbad in einem Computerspiel gebaut und jetzt ist der Workshop vorbei,“ sagen auch Ferdi und Tim. So haben sie aber noch mal ein Feedback für ihre Arbeit bekommen und wissen gleichzeitig, dass ihre Ideen auch bei den Verantwortlichen angekommen sind.

Auf der Jugendtagung sind die Jungen und Mädchen die Expert*innen, die den Erwachsenen ihre Ideen erklären, sagt Sebastian Ring. Das sei auch eine wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung. „Partizipation ist ja kein singulärer Prozess“, fährt er fort, und solche Erlebnisse motivieren, sich weiter zu beteiligen. Dass die Erwachsenen die Jugendlichen dafür ernst nehmen müssen, weiß auch die Bauoberrätin, sonst kann so ein Projekt schnell zu Frustration führen, betont sie. Und weil das bei Plan Nord Ost nicht eintreten soll, will das Referat für Stadtplanung und Bauordnung den Jugendlichen auf jeden Fall noch mal rückspiegeln, was aus ihren Ideen geworden ist.

Senem Kaya

Tipps für Jugendbeteiligung von den Beteiligten des Projektes Plan Nord Ost_dein Viertel in Zukunft

Ruth Büchele, Bauoberrätin im Referat für Stadtplanung und Bauordnung, betont, dass Jugendbeteiligung für die Stadt auch immer einen Aufwand darstellt und rät deshalb, auf jeden Fall genügend Zeit einzuplanen, um eine gelingende Beteiligung organisieren zu können.

Sebastian Ring vom JFF – Institut für Medienpädagogik und Projektleiter von Plan Nord Ost weist daraufhin, dass die Art der Beteiligung auch immer von der Fragestellung abhängt. Er schlägt außerdem vor, direkt auf die jungen Leute zu zugehen, sich an Orten aufzuhalten, wo Jugendliche sind, und betont, dass digitale Medien ein gutes Mittel sind, um kreativ zu sein und die Leute neugierig zu machen. Außerdem findet er es wichtig, einen kommunikativen Kontakt zu halten, denn Jugendliche haben Lust sich zu engagieren, wenn sie merken, dass etwas passiert und sie ernst genommen werden.

Thomas Kupser, Medienpädagoge vom JFF – Institut für Medienpädagogik findet, man sollte Vertrauen in die Jugendlichen haben: „Die machen das dann schon.“ Trotzdem sollte man ein Projekt so konkret wie möglich planen und die Jungen und Mädchen natürlich ernst nehmen.

Lisa Rutzmoser macht gerade ihr Praxissemester am JFF – Institut für Medienpädagogik und war an der Audioguide-Werkstatt beteiligt. Sie rät, den Ideen der Kinder und Jugendlichen keine Grenzen zu setzen. Da sie gerade beim Verfolgen eigener, auch mal verrückter oder abwegiger Ideen, eine ungemeine Motivation entwickeln können.

Ferdi Wörndl und Tim, Schüler des Trudering Gymnasiums und Teilnehmer des Minecraft-Workshops, empfehlen, auch für die Vorbereitung der Präsentation genügend Zeit einzuräumen und betonen, dass es ihnen wichtig ist, sich gemeinsam mit ihren Freunden engagieren zu können.

Beteiligte Plan Nord Ost_Dein Viertel in Zukunft

Referat für Stadtplanung und Bauordnung hat das JFF – Institut für Medienpädagogik beauftragt ein Format für die Beteiligung von Jugendlichen zu entwickeln und umzusetzen.

Stattgefunden haben die Digitalwerkstätten an drei Schulen, die sich in der Nähe des geplanten Viertels befinden:

Diskurswerkstatt: Team des JFF befragt Jugendliche an öffentlichen Plätzen