Artikel: Vom Tanker zum Schnellboot – Tipps für die agile Kommune

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Die Ansprache von Jugendlichen stellt für Kommunen häufig eine Herausforderung dar und erschwert damit die Umsetzung von Beteiligungsvorhaben. Der Jugendforscher Simon Schnetzer zeigt, wie Sie Jugendliche mit ins Boot holen können.

Wie erreichen Kommunen Jugendliche für ihre Beteiligungsangebote?

Der Schlüssel, um zu jungen Menschen eine Beziehung aufzubauen, ist, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch die bekommen Sie als Kommune nur, wenn Sie ganz konkrete Bedürfnisse der Jugendlichen aufgreifen und darauf eingehen. Wer als Kommune versucht alles richtig zu planen, wird sich sehr schwertun, weil das bei den unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen unmöglich ist. Mehr Erfolg verspricht dagegen der Weg der Beteiligung dieser Zielgruppen von Anfang an.

Wenn man ein sprachliches Bild aus der freien Wirtschaft heranzieht, dann gleicht eine Kommune einem Tanker: So bezeichnet man auch Konzerne, die für Kursänderungen eine sehr, sehr lange Vorlaufzeit haben. Bevor ein Tanker den Kurs ändert, muss ein neuer Kurs auf alle Gefahren hin überprüft werden. Weil Tanker dadurch junge Menschen nicht mehr motivieren können und viele Chancen verpassen, nutzen Unternehmen sogenannte Beiboote: die probieren Neues aus, können spontan Chancen nutzen und sorgen dafür, dass gemachte Erfahrungen wieder zurück an Bord des Tanker gelangen.

Was haben Kommunen mit Tankern zu tun?

Das Beiboot eines Unternehmens kann die Zusammenarbeit mit einem kleineren Unternehmen sein, das aufgrund seiner Größe und Strukturen agiler handeln kann. Wenn ein Unternehmen einen neuen Trend oder eine neue Chance vermutet, kauft es z. B. ein bestehendes Startup, das bereits an dem Trend arbeitet. Alternativ gründet es selbst eines, das sich zukünftig diesem Trend widmet. In beiden Fällen entsteht durch die Zusammenarbeit mit dem Beiboot „Startup“ ein Freiraum, in dem die Regeln des Tankers nicht gelten. In dem Freiraum des Beiboots kann Neues getestet und ein Konzept entwickelt werden, das sich auch in den Kurs des Tankers integrieren lässt.

Auch in Kommunen herrschen viele Regeln, die das Entstehen von Neuem verhindern oder so verzögern, dass jungen Leuten die Lust auf Beteiligung vergeht. Um neuen Freiraum zu schaffen, können Kommunen Beiboote, wie die kommunale Jugendhilfe oder Moderator*innen, nutzen. Beide können bei der jugendlichen Zielgruppe bereits existierende Jugendinitiativen oder populäre Communities, die sich um bestimmte Interessen oder Themen gebildet haben, identifizieren und an diese herantreten.

In dem Freiraum der Beiboote „kommunale Jugendhilfe“ oder „beauftragte Moderator*innen“ können in Zusammenarbeit mit den jugendlichen Communities innovative Formate entwickelt und ausprobiert werden. So könnte mit einer regionalen Jugendinitiative, die sich für die Begrünung des Stadtzentrums einsetzt, beispielsweise ein Barcamp oder Hackathon zum Thema Stadtplanung umgesetzt werden. Da die Jugendlichen von Anfang an eingebunden werden, bringen sie ihre Themen mit und Sie erfahren was Jugendliche bewegt.

Beauftragen Sie Jugendliche damit, eine Liste mit den angesagten Plattformen, Influencern und Hashtags in Ihrer Kommune zu erstellen und die Kommunikation mit diesen zu organisieren. So können die Jugendlichen mitbestimmen, welche Werkzeuge im Prozess eine Rolle spielen sollen. Aufgabe der Beiboote ist es, die Themen, Forderungen und Ideen der Jugendlichen auch an Bord des Tankers – in die Kommunalverwaltung – zu bringen. Mehr noch, der Tanker und die Beiboote stehen in ständigem Kontakt, sodass die Beiboote über kurz oder lang auch den Kurs des Tankers beeinflussen.

Die ersten Schritte zu jugendgerechter Kommunikation

Unabhängig davon, ob Sie junge Menschen als Tanker oder Beiboot erreichen möchten, ist ein sinnvoller erster Schritt, sich zu fragen, was Sie alles falsch machen können. Drehen Sie die einfach die Frage um: Wie werden wir Jugendliche nicht erreichen? Die Methode nennt sich kreativer Kopfstand, lässt sich ganz einfach in kleiner Runde mit ein paar Post-Its durchführen und liefert in der Umkehrung die Qualitätskriterien für jugendspezifische Kommunikation. Typische Antworten auf die Frage sind: Kommunikation auf den falschen Kanälen, Themen die mich nichts angehen oder ich habe keine Zeit für Beteiligung. Die lösungsorientierte Umkehrung der Aussage „keine Zeit für Beteiligung“ könnte heißen: Wir suchen oder schaffen Gelegenheiten für die Beteiligung, in denen Jugendliche Zeit dafür haben.

 

Was Sie unbedingt über Ihre Zielgruppe wissen sollten

Die Studie „Junge Deutsche“ untersucht seit 2010 die Lebens- und Arbeitsbedingungen junger Menschen in Deutschland, um Unternehmen und Kommunen zu helfen, diese Zielgruppen zu beteiligen, begeistern und zu binden. Diese Auswahl an Ergebnissen* über Werte, Motivation, prägende Einflüsse und die wichtigsten Kommunikationskanäle geben Ihnen dafür eine erste wertvolle Orientierung.

Vom Tanker zum Schnellboot

Es klingt banal, doch das Zauberwort zu besserer Beteiligung heißt: Beteiligung. Arbeiten Sie mit der Zielgruppe schon in der Phase, wenn es darum geht, Konzepte zu entwickeln. Drei konkrete Methoden, die sich für Unternehmen bewährt haben und die sich auch für Kommunen eignen:

  • Reverse Mentoring
    Mentoring mal anders rum. Sie machen Jugendliche zu den Mentor*innen der kommunalen Verwaltung für digitale Trends, den Umgang mit Social Media und die Kommunikation mit der jungen Zielgruppe. Dadurch lernen Kommunen, bauen Brücken zwischen Verwaltung und den Anliegen von Jugendlichen und sie bauen eine junge Community auf.
  • Like-Challenge
    Ein Wettbewerb für den Social-Media-Post mit der größten Reichweite. In einem Workshop entwickeln Teams von Jugendlichen zu einem Beteiligungsthema (wie z. B. anstehende Wahlen) Posts und spielen diese über die Kanäle der Kommune aus. Das Team, das mit seinem Post die größte Reichweite erreicht, gewinnt einen Preis. Kommunen schaffen mit der Like-Challenge ein Beiboot für neue Kommunikationsstrategien und erhalten Reichweite in den Communities der Challenge-Teilnehmer*innen.
  • Die Zukunftsgestalter
    Ein agiles Innovationsformat für junge Menschen in der Kommune, um Lösungen für strategische Herausforderungen zu pilotieren und im Erfolgsfall zu skalieren. Das Konzept besteht aus einem Startup-Workshop, der Umsetzungsphase von Pilotkonzepten und einem Skalierungs-Modul. Pro Jahr nominiert eine Kommune 20 Zukunftsgestalter für die Herausforderung des Jahres, um gemeinsam die Zukunftsfähigkeit der Kommune zu gestalten. Kommunen gewinnen dadurch wertvolle Lösungskonzepte und eine wunderbare Form der Wertschätzung, Beteiligung und Bindung junger Bürger*innen. (weiterführende Informationen: Zukunftsgestalter)

Am Ende ist der beste Tipp: Einfach machen. Schaffen Sie mit den Beibooten Spielwiesen, die gestalterische Freiräume bieten und Kreativität fördern, um die Übernahme von Verantwortung der nächsten Generation zu ermöglichen. Unternehmen setzen auf Agilität und Beiboote, um mit den schnellen Veränderungen am Markt mitzuhalten, in Zukunft für junge Mitarbeiter*innen noch attraktiv zu sein und eine zukunftsfähige Story zu erzählen. Die besten Stories, die Kommunen erzählen können, sind die Heldengeschichten ihrer Bewohner*innen, z. B. über den Beitrag, den sie zur Zukunftsfähigkeit ihrer Kommune geleistet haben. Die Zukunftsfähigkeit von Gemeinden hängt von der Beteiligungskultur ab und davon, ob Sie jungen Menschen die Beiboote geben, die sie brauchen, um eigene Heldengeschichten für Ihre Kommune zu erzählen.

Simon Schnetzer © Philip HerzhoffArtikel von Simon Schnetzer (www.simon-schnetzer.com) unter CC BY-SA 4.0

Simon Schnetzer ist Jugendforscher, Speaker und Trainer. Er ist Autor der Studie „Junge Deutsche“ und Experte für die Generation Z & Y. Für Unternehmen, Kommunen und Verbände entwickelt er Beteiligungs- und Kommunikationskonzepte für die junge Generation.