Reportage „Connecting“: Ein Obstsalat, kein Smoothie

Thema

Wie schneide ich einen Film? Wie erfahre ich in einem Interview, was ich wissen will? Wie stelle ich meine Themen multimedial dar? Im Medienprojekt Connecting des ABC Hüll lernen junge Geflüchtete und junge Deutsche, wie sie mit digitalen Medien die Geschichten erzählen können, die ihnen wichtig sind. Die intensive Arbeit in den Workshops bringt die Gruppe zusammen.

Jugendliche des Projekts „Connecting“ auf Exkursion im wannseeFORUM, Berlin, Foto: Andi Weiland, CC BY-NC 4.0
Jugendliche des Projekts „Connecting“ auf Exkursion im wannseeFORUM, Berlin, Foto: Andi Weiland, CC BY-NC 4.0

„Vor einem halben Jahr hat ein Freund mich gefragt, ob ich mitkommen will. Ich wusste überhaupt nicht, was mich hier erwartet.“ Ahmad steht vor der Gruppe und fasst zusammen, was er seitdem im Connecting-Projekt erlebt und gelernt hat. Unter anderem hat er einen eigenen Film produziert, über „Deutsche Kultur“. Und er war im Bundestag bei einem Pressetermin der SPD. „Das war ein tolles Erlebnis, da mit der Kamera in der ersten Reihe zu stehen.“ Die Akkreditierung hatte er über den Verband Jugendpresse bekommen, von Connecting vermittelt. Ahmad zeigt sein Selfie mit Martin Schulz und seine Rede wird immer persönlicher: „Das hat mich darin bestärkt, Journalist zu werden. Es wird sehr schwierig für mich, in Deutschland in diesem Bereich zu arbeiten, aber man darf nie aufgeben.“ Aus der Runde erntet er großen Applaus.

Insgesamt fünf Wochenenden hat die Gruppe in den letzten Monaten zusammen verbracht. Jetzt endet die Projektrunde mit einem letzten Treffen und viele tragen wie Ahmad Hemd und Jackett, schließlich geht es um die Präsentation der Arbeiten. Es ist ein bunt zusammen gewürfelter Haufen junger Leute zwischen 16 und 27 Jahren, der sich im ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll versammelt hat, einem alten Bauernhof hoch im Nordwesten Niedersachsens. Vier der insgesamt 22 Teilnehmenden sind in Deutschland aufgewachsen, einer stammt aus Georgien, zwei aus dem Sudan, die meisten aber aus Syrien. Ihre Präsentation mit Filmen, Texten, Reden und Tanz führen sie in eigener Regie durch – und erweisen sich dabei als ein eingespieltes Team.

Jugendliche im Interview während der Berlin-Exkusion im wannseeFORUM, Foto: Andi Weiland, CC BY-NC 4.0
Jugendliche im Interview während der Berlin-Exkusion im wannseeFORUM, Foto: Andi Weiland, CC BY-NC 4.0

Ein Freiraum, in dem Vertrauen entsteht

Spätestens beim zweiten Workshop-Wochenende entstehe ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, so die Erfahrung von Birte Frische, der Leiterin des Projekts. „Wir bieten einen geschützten Freiraum, in dem Vertrauen entsteht und wo man sich ausprobieren kann. Viele Teilnehmenden berichten uns, dass es ihnen gut tut, dass sie hier nicht auf ihren Flüchtlingsstatus reduziert werden. Die wollen Normalität“, sagt Frische. Und so erwerben die Teilnehmenden nicht nur erste Bausteine für das Arbeiten mit Medien, sondern ganz nebenbei findet auch ein interkultureller Austausch statt, von dem alle Teilnehmenden persönlich profitieren.

Amira beispielsweise. Die junge Syrerin sei gemeinsam mit ihrem Freund zu dem Projekt gekommen, erzählt Frische, die das auch bei anderen geflüchteten Frauen erlebt hat. Anfangs habe Amira kaum gewagt, vor der Gruppe zu sprechen. Heute, bei der Präsentation sitzt die 20-Jährige am Laptop und bedient den Beamer, alle Fäden laufen bei ihr zusammen. Amira sei kaum wiederzuerkennen, meint Frische. „Wenn sie manchmal mit den anderen Teilnehmenden Arabisch spricht, kann ich das nicht verstehen. Aber am Tonfall erkenne ich, dass sie eine Ansage macht und sich durchsetzt.“ Die junge Frau hat sich sogar eine eigene Kamera gekauft und ist nun als Kamerafrau an einem Kurzfilm-Projekt von ABC Hüll beteiligt.

Viel gelernt hat auch Lina. Die 16-Jährige ist hier in Hüll zum ersten Mal mit Geflüchteten in Kontakt gekommen und hat lange Gespräche mit anderen Jugendlichen geführt. Ihre Bilanz: „Dieses Projekt kann ich allen empfehlen, die ein negatives Bild von Flüchtlingen haben. Auch wenn die syrischen Jugendlichen viel mehr singen und tanzen, eigentlich sind sie genauso wie wir.“

Teilnehmende des Projekts, Foto: ABC Bildungs- und Tagungszentrum, CC BY-NC 4.0
Teilnehmende des Projekts, Foto: ABC Bildungs- und Tagungszentrum, CC BY-NC 4.0

Den eigenen „Geschmack“ behalten

Einer der Teamer, der mit den Jugendlichen zusammenarbeitet, ist der syrische Journalist Mohammed Ghunaim. Ihm gefalle bei Connecting besonders die kreative Atmosphäre und der Umgang mit den Teilnehmenden: „Sie machen alles selbst, wir Teamer unterstützen nur.“ Er vergleicht das Projekt mit einem Obstsalat, in dem die unterschiedlichen Früchte zusammen das Gericht ergeben, ohne den eigenen Geschmack zu verlieren – „Das Gegenteil ist ein Smoothie“, so Ghunaim.

Die Teilnehmenden kommen mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen zu Connecting. Manche haben schon erste Erfahrungen mit journalistischer Arbeit und konkrete Vorstellungen. Andere posten lediglich Handyvideos in sozialen Medien. Ahmad hat seine ganz eigenen Erfahrungen. Er hat in Syrien für ein oppositionelles Infoportal gearbeitet und mit Text- und Fotoreportagen Bombenangriffe dokumentiert. „Ich war so wütend darüber, wie das staatliche Fernsehen lügt. Ich wollte berichten, was wirklich passiert.“

Filme über Kopftuch, Ramadan und das „Land der Dichter und Denker“

In den Workshops kriegen die Teilnehmenden einen Einblick in Film, Audio, Foto, Text und Storytelling sowie soziale Medien. „Mit einem Input vermitteln wir die Grundlagen. Aber Schwerpunkt ist das praktische Arbeiten“, erklärt Frische. Daher gibt es viel Zeit und Raum, etwas auszuprobieren. Im Workshop Film haben sich beispielsweise die Teilnehmenden vor der Kamera gegenseitig zu Themen interviewt, die sie ganz persönlich angehen, etwa Kopftuch oder Ramadan. Daneben sind Kurzfilme entstanden, die kleine Geschichten erzählen. Ahmad wiederum ist mit der Kamera Fragen nachgegangen, die er an seine deutsche Umwelt hat: Was macht die deutsche Kultur aus? Ist dies noch das „Land der Dichter und Denker“? Welche Rolle spielt das Christentum im Alltag? Die Antworten seiner deutschen Interviewpartner*innen hat er mit Bildern von der überwältigenden Warenflut in einem Einkaufszentrum ergänzt. Sein zehnminütiger Film heißt „Deutsche Kultur“.

Film „Deutsche Kultur“ von Ahmad, Video: ABC Bildungs- und Tagungszentrum, CC BY-NC 4.0

Tablets für zuhause

Die Teilnehmenden werden angehalten, auch in der Zeit zwischen den Workshops weiterzuarbeiten. Dazu erhalten sie für die gesamte Laufzeit des Projekts ein Tablet, auch die Teamer stehen ihnen weiter zur Verfügung. Doch die zusätzliche Arbeit fällt nicht allen leicht, gibt Birte Frische zu Bedenken. „Unsere Teilnehmenden gehen zur Schule, studieren, stecken in einer Ausbildung oder bereiten sich auf die C1-Sprachprüfung vor. Nebenbei opfern sie viel Zeit, um an ihren Beiträgen weiterzuarbeiten.“ Wenn ein Film oder Text fertig ist, wird er im projekteigenen Blog veröffentlicht.

Teilnehmende, die sich besonders für Journalismus interessieren, vermittelt Connecting zudem in weiterführende Medienworkshops oder Praktika, wo sie das Erlernte vertiefen können. Für die jungen Geflüchteten, die kaum Kontakte in Deutschland haben, eine wichtige Hilfe. „Connecting hat mir viele Türen geöffnet“, sagt Ahmad.

Nicht alle in der Gruppe träumen wie er davon, Journalist zu werden. Doch auch sie haben in dem Projekt wichtige Erfahrungen gemacht. Der 24-jährige Amer beispielsweise hat in Syrien BWL studiert und möchte in diesem Bereich auch in Deutschland weiterstudieren und später arbeiten. Trotzdem erzählt er voller Stolz, wie er die Radiosendung der Connecting-Gruppe beim Hamburger Tide Radio moderiert hat. Die deutsch-arabische Sendung sei schon 250 Mal im Internet nachgehört worden! Zudem habe er bei Connecting viele neue Leute kennengelernt: „Jetzt habe ich Freunde in anderen Städten, Hamburg, Braunschweig Stuttgart. Die können mir helfen, wenn ich mal einen Job suche.“

Jugendlicher im Aufnahmestudio beim Radio Tide in Hamburg, Foto: ABC Bildungs- und Tagungszentrum, CC BY-NC 4.0
Jugendlicher im Aufnahmestudio beim Radio Tide in Hamburg, Foto: ABC Bildungs- und Tagungszentrum, CC BY-NC 4.0

L – das Zeichen für Sprachprobleme

Die größte Schwierigkeit der Teilnehmenden, die teilweise erst vor 1,5 Jahren ihre Heimat verlassen haben, ist die Sprache. Dennoch finden die Workshops von Anfang an auf Deutsch statt – auch als Signal: Du schaffst das. Amer erzählt, dass er große Bedenken hatte, sich überhaupt anzumelden. „Aber Birte hat immer wieder gesagt, ,probier es, hab Vertrauen.’“ Frische und ihre Teamer halten sich zurück, nicht alle Fehler werden korrigiert. Außerdem erklären sie so einfach wie möglich und zeigen alle Arbeitsschritte, wenn es geht, mit dem Beamer. Wer trotzdem nichts versteht, meldet sich, indem er mit der Hand ein „L“ formt – das Zeichen für Sprachprobleme. Ein anderer Teilnehmer übersetzt dann. „Wir können nicht gut Deutsch, aber wir verstehen uns trotzdem“, beschreibt Ahmad diesen vertrauensvollen Umgang in Workshops. Birte Frische weist daraufhin, dass die Workshops auch eine gute Gelegenheit bieten, die Sprache zu üben: „Gerade auf dem flachen Land leben die jungen Leute häufig völlig isoliert und sind nur mit anderen Geflüchteten zusammen.“

Umso stärker ist der Wunsch vieler junger Geflüchteter, die eigene Situation zu verbessern. Frische erlebt bei vielen Teilnehmern einen enormen Leistungsdruck. „Sie haben an sich selbst den Anspruch, in Deutschland anzukommen, eine Bleibeperspektive zu bekommen und etwas zu erreichen. Aber das braucht eben etwas Zeit.“

Studieren oder Geld verdienen?

Auch Ahmad hat Angst, dass in drei Jahren seine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wird. „Die werden mich fragen, was hast Du geschafft? Hast Du Geld verdient?“ Deshalb hat sich der 18-Jährige vorerst für eine Ausbildung beworben. Dann will er das Abitur nachmachen und vielleicht auch studieren. In Syrien hatte er die Schule abgebrochen, nachdem der Krieg ausbrach. Ahmad weiß, der Weg zu seinem Traumberuf Reporter ist lang. „Aber wenn ich die Chance kriege, werde ich es machen“, sagt er ernst und sieht dabei viel älter aus als 18 Jahre.