4 Fragen an: Kirsten Fründt

Thema

jugend.beteiligen.jetzt im Gespräch mit Kirsten Fründt, Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf:

https://jugend.beteiligen.jetzt/Kirsten%20Fr%C3%BCndt%20%C2%A9%20Georg%20Kronenberg

Wir sehen offene Daten als einen Teilaspekt des umfassenden Kulturwandels in modernen Verwaltungen.

Kirsten Fründt, Landrätin des Landkreises Marburg-Biedenkopf

1. Worin liegt der Mehrwert für die Kommune, offene Daten zu veröffentlichen?

Fründt: Der offene Umgang mit Verwaltungsdaten fördert Partizipation, baut Barrieren ab und trägt zur demokratischen Meinungsbildung bei. Wir sehen offene Daten als einen Teilaspekt des umfassenden Kulturwandels in modernen Verwaltungen. Unsere vielfältige, mobile, digitalisierte und zunehmend globalisierte Gesellschaft erwartet heute von ihren Verwaltungen, Entscheidungen transparent zu kommunizieren, Verwaltungsprozesse digital weiterzuentwickeln und dabei offen für die Anforderungen und Fähigkeiten der Bürger*innen zu sein. Mit dem Radverkehrsdialog haben wir z. B. ein neues Format etabliert, in dem nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch ganz konkret Themenschwerpunkte in Arbeitsgruppen eigenständig bearbeitet werden. Die Teilhabe der Menschen an den Entscheidungen von Politik und Verwaltung gehört zu den Grundsätzen unseres demokratischen Gemeinwesens und ist wichtig für ein gutes Zusammenleben. Wir sind daher davon überzeugt, dass die Bürger*innenbeteiligung in unserer heutigen Gesellschaft eine notwendige Ergänzung darstellt und ein großes Potenzial birgt, die Entwicklung des Landkreises Marburg-Biedenkopf nicht nur zu verwalten, sondern aktiv und gemeinsam zu gestalten. So haben wir beispielsweise bei der Erarbeitung unserer neuen kulturpolitischen Leitlinien intensiv mit Bürger*innen zusammengearbeitet. Die Aufgabenstellungen, mit denen Verwaltungen heute konfrontiert sind, werden zunehmend komplexer.

2. In welchen Formaten arbeiten Jugendliche in Ihrer Kommune mit offenen Daten?

Fründt: Seit dem 1. März 2016 bietet uns die digitale Beteiligungsplattform „Mein Marburg-Biedenkopf“ eine zusätzliche Möglichkeit des Austauschs. Unter mein-marburg-biedenkopf.de können sich Jugendliche über das Internet direkt und unkompliziert in aktuelle Themen und Projekte im Landkreis einbringen. Im Bereich der Bürge*innenrbeteiligung gehört der Landkreis Marburg-Biedenkopf mit diesem strukturierten, umfangreichen Angebot zu den deutschlandweiten Vorreitern unter den Landkreisen. Die Bereitstellung von offenen Daten im Sinne standardisierter, maschinenlesbarer Daten ist nicht das Ziel dieser Beteiligungsplattform, darüber wird aber im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung unseres Geoinformationssystems bereits nachgedacht. Unserer Meinung nach sind allerdings letztlich auch die Informationen auf der Beteiligungsplattform Ausdruck eines offenen Verwaltungshandelns und daher im weitesten Sinne „offene Daten“.

Das Angebot der Beteiligungsformate wird kontinuierlich ausgebaut, beispielsweise mit der Einrichtung der Projektgruppe „SuSi“, bei der die Auszubildenden des Landkreises intensiv eingebunden sind. Die Gruppe verfolgt den Grundgedanken, im Rahmen eines Peer-Group-Projekts einmal jährlich interne Klassenbesuche in zwei bis drei Klassen der Jahrgangsstufen 10 bis 13 in den Schulen des Landkreises durchzuführen, um viele Jugendliche zu erreichen. Auch die Arbeit des Kreisjugendparlaments ist nicht ohne die offene Bereitstellung von Verwaltungsdaten denkbar. Beispielsweise wurden hier im Rahmen der Beteiligungsverfahren zur Weiterentwicklung des Nahverkehrsplans umfangreiche Datensätze zur Verfügung gestellt.

3. Was war das Überraschendste, das sich aus der Arbeit mit offenen Daten ergeben hat?

Fründt: Die Auswertung der Beteiligungsdialoge auf der Plattform mein-marburg-biedenkopf.de hat ergeben, dass es wider Erwarten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind, die sich anteilig am wenigsten beteiligen. Personen im fortgeschrittenen Alter waren da deutlich aktiver. Damit hatten wir nicht gerechnet, sondern im Gegenteil erwartet, dass es unter dieser technik- und internetaffinen Gruppe viele Menschen geben würde, die die neuen digitalen Beteiligungsformate nutzen würden. Wir setzen daher nun noch intensiver auf die direkte und persönliche Ansprache, um unsere Beteiligungsangebote bekannt zu machen und bewerben diese auch über die klassischen Kommunikationskanäle, wie Poster, Flyer, etc..

4. Was haben Sie daraus gelernt? Und was möchten Sie anderen, die in die Arbeit mit und die Veröffentlichung von offenen Daten einsteigen wollen, mit auf den Weg geben?

Fründt: Wir haben daraus gelernt, wie wichtig es ist, Entscheidungen und Prozesse auf einer soliden und validen Datengrundlage zu treffen und aufzubauen. Ohne die Auswertungsmöglichkeiten der digitalen Beteiligungsplattform wäre eine solche Analyse der Altersstruktur nicht möglich gewesen. Wir können daher nur ausdrücklich dazu raten, sich mit der Thematik zu beschäftigen und die Chancen zu erkennen, die offenes Verwaltungshandeln bietet. Offene Daten sind dabei ein Teilaspekt eines umfassenden Kulturwandels. Diese Öffnungs- und Beteiligungsprozesse müssen allerdings auch eng und inhaltlich fundiert begleitet werden. Dazu gibt es beim Landkreis Marburg-Biedenkopf einen eigenen Fachdienst „Bürgerbeteiligung und Ehrenamtsförderung“, dessen Mitarbeitende die jeweiligen Fachabteilungen bei der Planung der Beteiligungsprozesse unterstützen, die laufenden Beteiligungsverfahren organisatorisch betreuen und die Beteiligung der Bürger*innen im Landkreis konzeptionell weiterentwickeln. Es ist elementar, in den Beteiligungsprozessen von Beginn an klar zu kommunizieren, ob Bürger*innen nach ihrer Meinung gefragt, zur Mitarbeit aufgerufen oder gar die Möglichkeit einer (Mit-)Entscheidung haben, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Das benötigt natürlich engagierte Überzeugungsarbeit und kostet Zeit und Ressourcen, die aber unserer Meinung nach im demokratischen Mehrwert, besseren Verwaltungsprozessen und solideren Entscheidungsgrundlagen bestens angelegt sind.

Foto: Kirsten Fründt © Georg Kronenberg