Reportage: Daten, die die Welt verbessern

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Das Förderprogramm „Jugend hackt“ bringt technikbegeisterte Jugendliche zusammen – und bietet ihnen die Möglichkeit, mithilfe „offener Daten“ Software mit sozialem Mehrwert zu programmieren.

„Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch
„Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch

Samstagmorgen, 8:30 Uhr: In den Veranstaltungsräumen des „Tor28“ in Köln ist schon fast jeder der großen Arbeitstische besetzt. „Wer kennt sich hier mit Unity aus?“, schallt es aus der einen Ecke. „Ich! Hast du schon Mal was mit Python gemacht?“, ruft jemand aus der anderen zurück. Das Klackern von Laptoptastaturen und Mausklicks liegt wie ein leichtes Rauschen über allem. Auch der vierzehnjährige Henri sitzt schon seit einer halben Stunde vor seinem Notebook. „Wenn das hier der Informatikunterricht wäre, dann wäre ich wahrscheinlich nicht so gut aus dem Bett gekommen“, gesteht er, grinst verschmitzt, und tippt weiter.

Aber es ist nun mal kein Schulunterricht, an dem Henri und rund fünfzig andere Jugendliche zwischen zwölf und achtzehn Jahren an diesem Wochenende teilnehmen, sondern das Förderprogramm „Jugend hackt“. Für drei Tage treffen sich hier auf Initiative der Open Knowledge Foundation und dem Verein für Medienbildung „mediale-pfade.org“ junge Programmier- und Codingbegeisterte, um gemeinsam politische und soziale Ideen in Computerprogramme umzusetzen. Bei dem „Hackathon“ – so nennt man Events, bei denen in kurzer Zeit kollaborativ Soft- und Hardware entwickelt wird – geht es darum, Jugendliche für das Programmieren zu begeistern. „Sie sollen im Austausch untereinander und mit unseren Mentor*innen an ihren Coding-Fähigkeiten feilen“, erklärt Karolina Albrich von der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW, die ebenfalls an der Organisation des Events mitgewirkt hat.

„Jugend hackt“ gibt es schon seit 2013. Mittlerweile zieht die Veranstaltung jährlich mehr als 500 Jugendliche an und wird an insgesamt sieben verschiedenen Standorten in Deutschland abgehalten. „Mit Code die Welt verbessern“, lautet das Motto der Organisatoren. Eher eine Aufgabe für die großen IT-Konzerne und Coding-Spezialist*innen, statt für eine Gruppe pubertierender Teenager, könnte man meinen. Doch genau gegen derartige Vorurteile wehren sich die Veranstalter*innen von „Jugend hackt“: „Wir wollen zeigen, dass auch Bürgerinnen und Bürger – und speziell Jugendliche – das Potenzial haben, eigenständig Software zu entwickeln, wenn man ihnen das dafür nötige Fachwissen und die nötigen Daten zur Verfügung stellt“, erklärt Paula Grünwald von dem Open Knowledge Foundation Deutschland e. V., einer gemeinnützigen Organisation, die sich für Transparenz, Bürgerbeteiligung und insbesondere „Open Data“ einsetzt . Als „offene Daten“ werden Daten bezeichnet, die von Privatleuten, Unternehmen oder staatlichen Institutionen kostenlos zur Verfügung gestellt werden und ohne Einschränkungen von jedermann benutzt werden können.

Warum es sinnvoll ist, offene Daten zur Verfügung zu stellen, versteht dabei jeder, der den jugendlichen Hacker*innen eine Weile über die Schulter schaut. Eines der neun Teams, das bei „Jugend hackt“ jeweils an einer konkreten Idee und ihrer Umsetzung arbeitet, erstellt etwa eine komplexe Lautstärke-Karte von Köln. „So können Menschen, die eine Wohnung suchen, genau herausfinden, wie laut es in ihrer neuen Nachbarschaft ist“, erklären die jungen Entwickler*innen stolz. Wenn Behörden offene Daten zu städtischen Lautstärkepegeln zur Verfügung stellen würden, könnte ihr „NoiseWatch“-Programm schon fertig sein, sagen sie. So bliebe ihnen nichts anderes übrig, als selbst zu messen. Mit einem 3D-Drucker und einem Lötgerät bauen sie ihre eigenen Geräusch-Sensoren.

 

Gruppenarbeit bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch
Gruppenarbeit bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch

Und auch Henris Team hat schon ganze Arbeit geleistet – und das, obwohl sich die Vierergruppe erst bei dem Kennenlernen am Vortag zusammengefunden hat. Mithilfe von 3D-Programmen, aus dem Internet heruntergeladenen Grafiken und etwas Coding-Unterstützung von ihren Mentor*innen haben sie ein Spiel kreiert, das Menschen beibringen soll, wie man Müll richtig trennt. „Trash to Go“ lautet der Arbeitstitel der Anwendung, bei der man per Mausklick virtuelle Dosen, Pappkartons und Früchte in den Mülleimer mit der richtigen Farbe „werfen“ muss. Auf die Frage, wie sie innerhalb von weniger als 24 Stunden ein funktionstüchtiges Minispiel programmiert haben, antwortet Henri mit einem Schulterzucken: „Das ist eigentlich ziemlich einfach, wenn man sich mit den richtigen Programmen auskennt.“ Und wenn man genug offene Daten zur Verfügung hat: „Je mehr Open-Source-Software und freie Grafiken es schon gibt, die wir benutzen können, desto schneller können wir ein Programm bauen“, erklärt der Vierzehnjährige.

Zwischen der anfänglichen Ideenfindung und der Finalisierung ihrer Projekte haben die Jugendlichen Narrenfreiheit. Die Mentor*innen stehen ihnen beratend zur Seite, aber geben keine Anweisungen. Dieser kreative Spielraum sei für Hackathons unabdingbar, sagt Karolina Albrich: „So kommen die besten und innovativsten Ideen zustande! Im letzten Jahr hat eine Gruppe auf eigene Faust eine Wäscheklammer entwickelt, die signalisiert, wenn die Kleidung trocken ist.“ Über so viel Erfindungsreichtum und technische Expertise seien selbst die Mentor*innen erstaunt gewesen. Auch in diesem Jahr sind die Ergebnisse der einzelnen Projekte nach Abschluss der Veranstaltung wieder unter hackdash.org frei für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Codes der fertigen Programme werden unter github.com/jugendhackt veröffentlicht.

Für Außenstehende und Programmier-Anfänger*innen ist das, was bei „Jugend hackt“ passiert, nicht ganz einfach zu verstehen. Wo Zwölfjährige über Laptopbildschirme hinweg über die Vor- und Nachteile von Node.js und Raspberry Pi diskutieren, da fühlen sich hin und wieder selbst die älteren Teilnehmer*innen abgehängt. Doch die fachmännischen Diskussionen zeigen vor allem eines: Wie viel digitale Expertise bei den Jugendlichen bereits vorhanden ist – und welches Potenzial in ihrer Förderung steckt. Eine Botschaft, die vor allem noch besser an staatliche Behörden und die zuständigen Ministerien kommuniziert werden müsste, findet Paula Grünwald, denn: „Der Staat ziert sich immer noch, Coding- und Programmier-Events nachhaltig zu unterstützen.“

 

Arbeitsphase bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch
Arbeitsphase bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch

Jugend forscht, Jugend musiziert … Jugend hackt? Für die Politik ist diese Assoziationskette noch gewöhnungsbedürftig. Das liegt wohl unter anderem daran, dass der Begriff „Hacking“ in der öffentlichen Debatte weiterhin negativ besetzt ist und offene Daten mitunter als Gefahr für den Datenschutz wahrgenommen werden. Dabei sei ja tatsächlich das Gegenteil der Fall, erklärt Mentor Marcel Kassuhn, der eigentlich IT-Sicherheitsberater ist: „‚Hacken bedeutet ja im Wesentlichen nur, mithilfe vorhandener Daten kreative Lösungen für Probleme zu finden. Und je mehr offene Daten es gibt, desto einfacher lassen sich Lösungswege auftun.“ Zudem ginge es bei offenen Daten ja nicht um personalisierte Daten, sondern um anonymisierte Informationen, die den zuständigen Behörden ohnehin vorlägen, der Bevölkerung aber oftmals – so wie im Falle der Lautstärkepegel für „NoiseWatch“ – nicht zugänglich gemacht würden.

Die Erkenntnis, dass mehr staatliche Datentransparenz auch Vorteile für die Behörden selbst haben könnte, setzte sich dabei in der Vergangenheit nur langsam durch. Mittlerweile reift aber auch in der Politik die Erkenntnis, dass offene Daten womöglich die Verwaltungsarbeit erleichtern könnten. Als die Open Knowledge Foundation im vergangenen Jahr etwa frei verfügbare Daten der Landesparlamente zu von Abgeordneten gestellten kleinen und großen Anfragen sammelte, war die Skepsis von politischer Seite groß. Sobald das fertige Produkt, eine Website namens www.kleineAnfragen.de, auf der per Algorithmus automatisch alle Abgeordnetenanfragen dargestellt werden, dann allerdings fertig war, drehte sich der Wind: „Unsere Nutzerstatistiken zeigen, dass heute vor allem diejenigen unsere Website aufrufen, die der Öffnung der Daten anfangs skeptisch gegenüberstanden. Abgeordnetenbüros nutzen das Portal mittlerweile etwa aktiv für ihre eigenen Recherchen“, erklärt Paula Grünwald und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Auch Henri und seine Mitstreiter*innen würden sich wünschen, dass die Politik sich in digitalen Angelegenheiten öffnet und sie und andere Jugendliche stärker in ihrer Coding-Leidenschaft unterstützt. Sie sind nicht zuletzt hier, weil das Programmieren noch längst nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. „Zuhause fragen immer alle: ‚Was macht der da am Computer?’ Hier weiß jeder Bescheid“, erklärt Henri. Die Atmosphäre bei „Jugend hackt“ pendelt dabei irgendwo zwischen Schulausflug und LAN-Party. Hackathons wie dieser bieten den Jugendlichen eine Nische, um Ideen auszutauschen und sich über die neuste Technik zu informieren, ohne schief angeschaut zu werden – und, um sich weiterzubilden. „Im Informatikunterricht lernt man ja höchstens die Grundlagen“, meint Henri. Er hat sich das Programmieren, so wie die meisten anderen Teilnehmer*innen von „Jugend hackt“, zum größten Teil selbst beigebracht, mit YouTube-Videos und Internetrecherche. Und auch mehr offene Daten sind ganz im Interesse der jungen Programmierer*innen. Zu viele frei verfügbare Daten könne es gar nicht geben, meinen sie, solange man sie für gute Zwecke nutzen könne.

Dass das keine leeren Worthülsen sind, zeigt sich 24 Stunden später bei den Abschlusspräsentationen der „Jugend hackt“-Teams. Nicht nur Henri und seine Kolleg*innen haben ihr Projekt erfolgreich abgeschlossen, sondern auch die meisten anderen Gruppen. Eine hat ein Grafikprogramm entworfen, das Bilder so farbkorrigieren kann, dass sie auch für Farbenblinde wahrnehmbar werden; eine andere hat eine Software programmiert, die „Fake News“ mithilfe eines komplexen Algorithmus von glaubwürdigen Nachrichten trennt. Und auch eine Demoversion von NoiseWatch ist bereits fertig.

 

Abschlusspräsentation bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch
Abschlusspräsentation bei der „Jugend hackt“-Veranstaltung 2018 in Köln, © CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch

Ein langes Wochenende hat den jungen Hacker*innen gereicht, um mithilfe ihrer Programmierkenntnisse eine ganze Reihe sozialer Anwendungen zu programmieren. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was Henri und Co. mithilfe offener Daten und der richtigen Unterstützung noch so alles leisten könnten. „Dass die Jungs und Mädchen unglaublich geschickt sind, wenn man ihnen die richtigen Werkzeuge an die Hand gibt, steht sowieso außer Frage“, erklärt Karolina Albrich zum Ende der Veranstaltung: „Die schwierigste Aufgabe ist es ohnehin eher, zu verhindern, dass sie die ganze Nacht wachbleiben, um zu coden!“

Reportage von Kai Schnier

Kai Schnier, geboren 1989 in Arnsberg, ist freier Journalist und schreibt über Politik, Kultur und alles dazwischen. Seine Beiträge erscheinen unter anderem in der Zeitschrift KULTURAUSTAUSCH, beim Zweiten Deutschen Fernsehen und auf Qantara.de (Deutsche Welle). Er hat Internationale Beziehungen am University College Maastricht und an der Freien Universität Berlin studiert.