Die Zukunft der digitalen Jugendbeteiligung

Thema

Anna Braam (Vorsitzende und Sprecherin der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen) beschreibt, wie sich die Verwaltungen für die Zukunft der digitalen Jugendbeteiligung wappnen können.

Wie sieht Jugendbeteiligung im 21. Jahrhundert aus? Damit sie erfolgreich ist, muss sie möglichst nah an der Lebensrealität der Jugendlichen, dem Spagat zwischen Turbo-Abi, Nebenjobs und Praktika orientiert sein: projektorientiert, zeitlich flexibel, unmittelbar und digital.

Mehr als nur Wahl-O-Mat – unsere Verwaltung braucht ein Update

Die sozialen Medien spielen in autoritären Staaten eine wichtige Rolle als Lieferant unzensierter Nachrichten. Hashtags wie #metoo und #diesejungenleute haben es in Deutschland geschafft, Debatten über Sexismus und Jugenddiskriminierung anzustoßen. Auch auf der kommunalen Ebene eröffnen das Internet und die Digitalisierung gewaltige Chancen für Diskurs, Partizipation und Mit-gestaltung.

Dabei sind die Beteiligungsinstrumente nach ihrem Grad der Partizipation zu unterscheiden. Handelt es sich um reine Informationsplattformen oder bietet ein Beteiligungstool im besten Fall die enge und langfristige Kooperation zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik?

Im Koalitionsvertrag findet sich u. a. das Vorhaben, „regionale Open Government Labore“ zu errichten. Was darunter genau zu verstehen ist, bleibt unklar – und bietet damit eine Steilvorlage für kommunale Jugendbeteiligung: Bereits im Planungsprozess sollten Jugendliche und Verwaltung gemeinsam ausarbeiten, was die Open Government Labore leisten sollen. Beispielsweise könnten dort von Jugendlichen verwaltete Themenlabore entstehen, in denen sie zum Beispiel mithilfe einer Beteiligungsplattform gemeinsam Ideen zu selbstgewählten Themen entwickeln, Projekte starten, diskutieren und Vorschläge an die Verwaltung richten können. Damit die angestoßenen Projekte letztlich in die Tat umgesetzt werden können, müssen diese in Rückkopplung mit der Verwaltung mit entsprechenden Budgets ausgestattet werden – darin zeigt sich, wie ernst es der Politik mit der Jugendbeteiligung ist. Erwachsene können jugendlichen Initiativen zudem mehr Geltung verschaffen, indem sie die Vorhaben als Multiplikator*innen in ihren Netzwerken streuen.

Wie ernst es der Politik mit Jugendbeteiligung ist, zeigt sich auch darin, ob von Jugendlichen angestoßene Projekte mit entsprechenden Budgets ausgestattet werden.

Anna Braam

Jugendliche Stimmen zu stärken ist ein zentrales Anliegen der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG). Generationengerechtigkeit soll durch die faire Verteilung von Mitspracherechten verwirklicht werden. Daher fordert die SRzG ein Kinder- und Jugendwahlrecht, Quoten für politischen Nachwuchs in Parlamenten und generationengerechte Parteien. Begreifen wir Parlamentarismus und Protest als zwei Pole in der Debatte um Beteiligung, so setzt die SRzG vor allem bei Ersterem an. Doch es geht auch anders.

Der Aufstand der Jungen – im Netz

In der Offline-Welt erleben wir ein starkes Machtungleichgewicht zwischen der jungen und älteren Generation, der digitale Raum hingegen ist offen und hierarchiefrei. Für die Digital Natives daher vermehrt ein Ort, von dem politischer Protest ausgeht. Weiche Formen des Online-Protests stellen das Sammeln digitaler Unterschiften und Online-Petitionen dar. Hacktivismus geht einen Schritt weiter und verwendet gezielt Hard- und Software zur Modifikation, Manipulation, Übernahme oder Löschung von Daten, Webseiten oder Endgeräten. Dabei sind die Mittel unterschiedlich und die Ziele reichen von Weltverbesserung über Protest bis hin zu Satire. So bieten „Hackathons“ Raum und Zeit, um an neuen Anwendungen und Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu arbeiten. Das diesjährige Motto des beliebten Hackathon-Formats „Jugend hackt“ lautete daher „Mit Code die Welt verbessern“: Während des letzten Wochenendes entwickelten junge Programmierer*innen in Ulm beispielsweise Apps zur Kartierung schwer erkennbarer Hindernisse im städtischen Raum für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft oder den geschlechtsneutralen Menstruationstracker „Sharkweek“, der dank lokaler Datenspeicherung für mehr Privatsphäre sorgt. Eine härtere Form digitalen Protests stellen „Netstrikes“ dar. Diese haben das Ziel, die Server von Webseiten durch hohe Klickzahlen lahmzulegen. „Hijacking“ geht sogar noch weiter und bedeutet die Übernahme einer gesamten Internetdomäne. Jüngstes Beispiel: Als Reaktion auf Horst Seehofers Äußerungen zur Migration kaperten Kritiker*innen im Netz die Domain www.mutterallerprobleme.de und richteten eine direkte Weiterleitung zur CSU-Homepage ein.

 

Quo vadis kommunale Jugendbeteiligung?

Jugendbeteiligung zwischen Parlamentarismus und Protest braucht eine kommunale Verwaltung, die Jugendliche in ihren Anliegen ernst nimmt und ihnen (digitale) Freiräume zum eigenen Gestalten eröffnet. Dazu gehört sowohl die Bereitstellung geeigneter Plattformen als auch finanzieller Mittel für die Umsetzung von Projekten. Eines ist klar: Wenn sich die Verwaltung für die Zukunft wappnen will, sollte sie mit denjenigen das Gespräch suchen, die den Großteil ihres Lebens genau dort verbringen werden.

Anna Braam © privatAnna Braam ist Vorsitzende und Sprecherin der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Sie gründete 2016 das Jugendforum „Next Generation“ im Bremer Übersee-Museum und engagiert sich in der UN-Klimapolitik als Jugend-Delegierte. Anna Braam promoviert im Bereich „Nachhaltigkeit demokratischen Entscheidens“ an der Universität Oldenburg.